Anna Sophia

Anna Sophia und Julia Maria

Anna, die jüngere Schwester der schwerstbehinderten Julia, kommt im März 1986 als viertes von fünf Kindern zur Welt. Einige Monate vor ihrer Geburt hat ihr Vater einen Traum: Julia, die im Traum ganz anders aussieht und sich frei bewegen kann, kommt von weither, eine große Zahl von heiteren, ausgelassenen, laut ihre Freude bekundenden Menschen im Gefolge. Julia sagt strahlend: „Das sind alles meine Freunde.“ Dann führt sie den Vater in einen besonderen Raum, wo eine große Stille herrscht. Vor ihm sitzt eine jüngere Gestalt mit blondem Haar, die Ruhe und Zuversicht ausstrahlt und ihn aus tiefblauen Augen freundlich lächelnd anblickt. Julia sagt: „Dieser hilft euch von nun an weiter.“

Als Anna geboren wird, lautet das erste ärztliche Untersuchungsergebnis wie bei Julia: „unauffällig“. Sie ist gesund und entwickelt sich völlig normal, bis sie im achten Monat einen Sturz von der Wickelkommode erleidet. Da sie keine Verhaltensauffälligkeiten zeigt, schließt der anwesende befreundete Arzt eine Gehirnerschütterung oder Blutung im Gehirn aus. Mit der Zeit macht Anna jedoch kaum noch Fortschritte. Ihre kurz vor ihrem Unfall begonnenen Sprechversuche werden weniger und hören schließlich ganz auf. Zwar lernt sie zu sitzen und sehr verspätet auch unsicher zu stehen und an der Hand ein paar Schritte zu gehen, aber ihre Bewegungen sind verlangsamt; sie ringt um ihr Gleichgewicht. Ahmt sie etwas nach, so geschieht es, wenn überhaupt, sehr verzögert und nie spontan. Ärzte, denen sie vorgestellt wird, beruhigen die Eltern und sprechen von Entwicklungsverzögerungen im Bereich des Normalen.

Mit der Zeit jedoch ist Annas Behinderung nicht mehr zu übersehen. Eine klinische Untersuchung im Sommer 1988 ergibt eine weit zurückliegende, unfallbedingte Schädigung des Stammhirns. Alte Infarkte haben die Ausbildung ihres Sprach- und Be­we­gungszentrums verhindert; frei Stehen, frei Laufen und Sprechen sind ihr dadurch unmöglich. Auch ihre Verstandesfunktionen sind weitgehend außer Kraft gesetzt, sodass sie nur mühsam und langwierig ein paar einfache Handlungen erlernen kann. Eine völlige Inkontinenz auferlegt ihr ein Leben in Windeln.
Aber Anna ist kein trauriges, hilfloses Kind. Sie hat große Freude am Leben, isst und lacht gerne. Besonders liebt sie es, wenn Kinder um sie herum sind. Kommt ein Baby in ihre Nähe, so gibt sie helle Freudenschreie von sich.

Anna liebt ihre Geschwister und wird von ihnen sehr rücksichtsvoll behandelt. Besonders ihre kleinere Schwester integriert sie wie selbstverständlich in ihr Spiel mit Freundinnen und Freunden. Annas Heiterkeit und Zuversicht sind ansteckend; geduldig lässt sie sich verkleiden; gutmütig erlaubt sie, wenn aus ihren kleinen Schätzen etwas stibitzt wird.

Als sie mit vier Jahren in der Sonderschule Blankenstein in Schaffhausen Aufnahme findet und täglich ihre Klasse besucht, schätzen die Betreuer besonders ihre sozialen Fähigkeiten. Wo immer sie auftaucht, verbreitet sie Heiterkeit und Frohsinn. Die verschiedenen Therapien bereiten ihr große Freude und bringen Fortschritte. Sie kann jetzt selbst ihr Trinkglas zum Mund führen und mit dem Löffel essen. Noch schwerer behinderte Mitschüler liebt und tröstet sie. Stetig wächst ihr Freundeskreis und bringt auch den Eltern neue Bekanntschaften. Lebensfreundschaften entstehen daraus.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr reist Anna gerne; jedes Jahr begleitet sie ihre Eltern zu internationalen Freundestreffen, wo sie fest integriert ist, denn ihre Anwesenheit und stille Heiterkeit wirken unter den Freunden; alle lieben sie.

Dann aber trifft sie ein schwerer Schlag. Ausgelöst durch einen Magen-Darm-Infekt treten plötzlich schwere epileptische Anfälle auf, die immer schneller aufeinander folgen. Nach zwei Tagen liegt Anna komatös im Konstanzer Krankenhaus. Eine untherapierbare chronisch progrediente Atrophie des Vorderhirns wird diagnostiziert.

Da man im Krankenhaus nichts für sie tun kann, wird Anna nach einer Woche nach Hause entlassen, wo sie weiter künstlich ernährt wird. Täglich rechnen die Eltern damit, dass sie sterben könnte. Völlig überraschend erholt sie sich nach vier Wochen.

Von nun an beginnt für Anna ein neuer Lebensabschnitt, der mit epileptischen Krämpfen und dem allmählichen Verlust alles dessen verbunden ist, was sie in den ersten 14 Jahren ihres Lebens gelernt hat. Mehr und mehr wird sie an den Rollstuhl gefesselt. Da Anna nun sehr anfällig für Infekte ist, die öfters zu epileptischen Anfällen führen, werden ihre Schulbesuche seltener und müssen schließlich ganz eingestellt werden. Dank einer Sondergenehmigung erhält sie ihre Therapien zu Hause.

Als die Eltern in ein behindertengrechtes Haus an die Ostsee umziehen, wird dort für sie die Pflege zu Hause mit Hilfe eines georgischen Aupair-Mädchens und von Stundenkräften organisiert. Als diese Aupair-Tochter nach zweieinhalb Jahren in eine andere Stadt zum Studium der Heilpädagogik nach Mannheim zieht, wird vom Pflegedienst eine andere Helferin organisiert. Die Begegnung wird zu einer tiefen Freundschaft mit Anna; die Helferin beschließt, einen Heilberuf zu ergreifen. Auch andere, später kommende Helferinnen werden rasch zu Annas Freundinnen. Eine holländische Physiotherapeutin besucht sie wöchentlich zweimal; aufgrund der großen Zuneigung lässt Anna sich auch die anstrengensten Behandlungen gerne gefallen. In ihren letzten beiden Lebensjahren wächst eine tiefe Verbindung mit einer benachbarten Heilpraktikerin, die sie jeden Tag für einige Stunden betreut.

Obwohl Anna mit ihrem Bewusstsein immer mehr in einer anderen Welt lebt, wird, wer ihr begegnet, von ihrem Wesen berührt. Manche träumen von ihr. In diesen Träumen kann sie laufen und sprechen und teilt sich mit.

Zwei Tage nach ihrem 23. Geburtstag erkrankt Anna an einer Virusinfektion. In den nächsten Tagen treten schwere epileptische Anfälle auf, die wie Geburtswehen immer schneller aufeinander folgen. Am letzten Abend gibt der Hausarzt Infusionen, weil sie nicht mehr trinken und schlucken kann. Zu einer für den Morgen geplanten Verlegung ins Krankenhaus kommt es nicht mehr. In den frühen Morgenstunden schläft sie friedlich ein. Sie sieht aus wie ein Engel.